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Oldtimer-Bahnbus DB 23–474

Anfang August 2017 konnten wir den ehemaligen Passauer Bahnbus DB 23–474 als künftiges Museumsfahrzeug sichern. Unterstützt hat uns dabei der Omnibus-Club München e.V. Der gut erhaltene Überlandbus vom Typ Setra S 215 UL, gebaut 1984 beim renomierten Omnibushersteller Kässbohrer in Ulm, wurde mittlerweile restauriert. Dabei haben wir seine Ursprungslackierung in Himbeerrot (Farbton RAL 3027) wiederhergestellt, ebenso die dezente, etwa 1982–85 verwendete Beschriftung mit kleinen, schwarz-weißen „DB-Keksen“.

Bahnbus mieten
Unser Setra kann für Ausflüge, Stadtrundfahrten, Hochzeiten und andere Familien- oder Firmenfeiern, als besonderer Shuttlebus sowie für Film- und Fotoproduktionen angemietet werden. Auch die Einfahrt in Umweltzonen ist möglich. Kontaktieren Sie uns, wir freuen uns auf Ihre Anfragen.

Bild: Bahnbus

Bild: Unser frisch restaurierter Setra-Bahnbus aus den achtziger Jahren am 17. Juni 2018 vor dem historischen Güterschuppen im Bahnhof Wolnzach Markt. Durch das zeitlose und glattflächige Design und die bereits als optisch durchgehendes Fensterband geklebten statt in Gummi gefassten Seitenscheiben wirkt der Setra S 215 UL für seine Zeit relativ modern, obwohl viele der bei diesem Exemplar von 1984 verwendeten Komponenten wie Motor oder Sitze in den frühen siebziger Jahren für den Vorgängertyp entwickelt wurden.

Bild: Papiere

Bild: Die früheren Fahrzeugpapiere belegen das ehemalige Behördenfahrzeug und dokumentieren die zunächst bei den Bahnbussen begonnene Privatisierung und Regionalisierung der Deutschen Bundesbahn.

Lebenslauf und Vorbesitzer

1984–89
1989–94
1994–2017
seit 2017

Deutsche Bundesbahn, Passau [DB 23–474]
Regionalbus Ostbayern, Passau [R–JN 542]
Busunternehmen Vorderobermeier, Neuötting [AÖ–JV 66]
Hallertauer Lokalbahnverein, Rohrbach [M–JN 542H]

Auf den ersten Blick „nur“ ein Omnibus, dennoch ist dieser Bundesbahn-Setra ein wichtiges Stück bayerischer Eisenbahngeschichte. Gerade auf dem Land war der Bahnbus im Personenverkehr unverzichtbar und trug zu seinen Spitzenzeiten die Hälfte des gesamten Passagieraufkommens der damaligen Bundesbahn bei! Besonders die Gebiets- und Schulreform brachte dem Bahnbus viele neue Aufgaben.

Aus Bundesbahnzeiten erhalten geblieben und gepflegt werden dennoch in Eisenbahnmuseen nur sehr wenige Omnibusse, sodass hier die Eigeninitiative unseres damals erst frisch gegründeten Vereins unumgänglich war.

Der scherzhaft oft „Gummibahn“ genannte Bahnbus repräsentiert als Ergänzung unseres historischen Schienenverkehrs die zum Leidwesen vieler Eisenbahnfreunde typische Epoche der „eisenbahnlosen Lokalbahn“ der achtziger Jahre und ermöglicht Nostalgiefahrten abseits des seit 1996 leider stark verkürzten Hallertauer Schienennetzes.

Bild: Bahnbus Innenraum

Bild: Wer möchte hier nicht wie damals mit dem Bahnbus über die bayerischen Dörfer gondeln? Der Innenraum unseres Bahnbusses mit 49 bequemen Fahrgastsitzen und Gepäcknetzen präsentiert sich auch nach 35 Jahren und über einer Million Kilometern weitgehend im unrestaurierten Ursprungszustand! Die großen Fensterflächen bieten einen schönen Ausblick auf die Landschaft.

Bild: Bahnbus Heckansicht

Bild: Heckansicht von DB 23-474 während eines Besuchs bei den Kollegen der Chiemgauer Lokalbahn in Obing. Deutlich erkennbar ist die auch bei der Linienversion der Baujahre 1984/85 noch stark an die Kässbohrer-Reisebusse angelehnte Heckgestaltung. Bei der wesentlich bekannteren Gestaltung späterer Baujahre war das Nummernschild der S 215 UL und SL zur Schaffung einer größeren Heckwerbefläche in den Stoßfängerbereich versetzt worden und die umlaufende Zierleiste auf der Motorraumklappe unterbrochen.

Bild: Bahnbus

Bild: Typisch für einen Linienwagen ist die breite Mitteltür mit dem gegenüberliegenden Stellbereich für Kinderwagen. In den achtziger Jahren natürlich längst noch nicht barrierefrei...

Technische Daten

Hersteller
Typ
Erstzulassung

Länge x Höhe x Breite
Leergewicht
zul. Gesamtgewicht
Sitz-/Stehplätze

Motortyp
Motorbauart
Hubraum
Leistung
Getriebe
Höchstgeschwindigkeit

Merkmale

Kässbohrer Fahrzeugwerke, Ulm
Setra S 215 UL
1. Dezember 1984

12,00 m x 3,25 m x 2,50 m
10,5 t
16,0 t (im Linienverkehr: 17,4 t)
49/40

Mercedes-Benz OM 407 h
Reihensechszylinder-Dieselmotor
11.334 ccm
177 kW (240 PS)
ZF 6-Gang-Schaltgetriebe (vollsynchronisiert)
100 km/h

Überlandbus für Linien- und Ausflugsverkehr
Luftfederung
Originale Inneneinrichtung
Kinderwagenstellplätze
Unterflurkofferräume
Kassettenradio, Reiseleitermikrofon

Geschichte
Neben den gelben Bussen der Deutschen Bundespost betrieb auch die Deutsche Bundesbahn vor allem in ländlichen Gebieten eine große Flotte an meist roten Omnibussen. Aufgrund des starken Rückgangs der Fahrgastzahlen während des Wirtschaftswunders kamen statt der nach Krisen und zwei Weltkriegen völlig heruntergewirtschafteten Lokalbahnzüge immer häufiger von der Bahn betriebene Omnibusse zum Einsatz. Sie hatten darüber hinaus eine wichtige Zubringer- und Erschließungsfunktion zwischen den Bahnstrecken. Nach der Schließung vieler Dorfschulen Ende der sechziger Jahre konnte der Bahnbus durch den neuen flächendeckenden Schülerverkehr auf dem Land weiter an Bedeutung gewinnen.

In vielen Regionen Deutschlands waren als Bahn- und auch als Postbusse vor allem die standardisierten Mercedes-Benz O307 und MAN SÜ240 vorherrschend. Unter anderem in Südbayern unterhielt die Deutsche Bundesbahn seit den sechziger Jahren an einigen Standorten aber beinahe reine Kässbohrer-Flotten. In den achtziger Jahren waren dies meist der Setra S 215 UL/RL und sein Vorgänger S 140 ES, so auch auf den Linien von Wolnzach Bahnhof (heute Rohrbach) Richtung Geisenfeld, Mainburg, Petershausen und Ingolstadt.

Bild: Auch 36 Jahre nach Einstellung des planmäßigen Reisezugverkehrs fuhr die Deutsche Bundesbahn (DB) die Stadt Geisenfeld immerhin mehrmals werktäglich ab Wolnzach Bahnhof an: Mit einem Bahnbus. Dieser hier, der Ingolstädter DB 22-831, war fast neu, als er am 14. Oktober 1989 am ehemaligen Geisenfelder Bahnhof fotografiert wurde. Der Setra S 215 UL des Baujahrs 1988 trug zu dieser Zeit nicht nur eine auffällige Bierwerbung, sondern hatte im Gegensatz zum vier Jahre älteren Museumsfahrzeug bereits digitale Zielanzeigen – sie zeigt: „9201 GEISENFELD“

Bild: Fahrplan der noch als Linie 9315 verkehrenden Fahrten Rohrbach – Wolnzach – Geisenfeld vom Sommer 1984. Zusätzlich verkehrten montags bis freitags an Werktagen drei Fahrten der Linie 9314 um 7:05 Uhr von Rohrbach ohne Zwischenhalt über den Bahnerberg zum Bahnhof Wolnzach Markt, um 17:25 über Burgstall, Gosseltshausen, Wolnzach, Jebertshausen, Gebrontshausen, Larsbach, Hirnsberg, Osterwaal, Enzelhausen, Rudelzhausen und Puttenhausen nach Mainburg sowie morgens in Gegenrichtung um 5:41 Uhr am Mainburg nach Rohrbach, Ankunft 6:25 Uhr. Im Busverkehr führte Wolnzach Bahnhof damals den Zusatz „Rohrbach“. Eine Variante, die die auch bei der Umbenennung für den Bahnbetrieb Ende der neunziger Jahre angedacht war...

Mit der Umwandlung der Bahnbusbetriebe in privatrechtliche Gesellschaften verschwanden die Behördenkennzeichen bis Ende 1989. So wurde auch aus DB 23-474 Wagen 542 der neuen Regionalbus Ostbayern GmbH (RBO) mit Sitz in Regensburg. Der Bus blieb aber weiter am Betriebshof Passau stationiert, bis er 1994 ausgemustert wurde.

Die ehemaligen Bahn- und Postbusbetriebe blieben bis auf wenige Ausnahmen im Besitz der Bahn. Eine dieser Ausnahmen war zuletzt die die Linien ab Wolnzach Bahnhof betreibende Regionalbus Augsburg GmbH (RBA), die aus dem „Geschäftsbereich Bahnbus Augsburg“ der DB hervorgegangen war. Sie wurde 1992 an ein Konsortium privater und kommunaler Unternehmen verkauft und gehört seither nicht mehr zur heutigen Deutschen Bahn AG. Damit endete rund 98 Jahren nach Eröffnung der Lokalbahn die Zuständigkeit der Eisenbahn für den bereits seit 23 Jahren vollständig auf der Straße abgewickelten Linienverkehr von Rohrbach nach Wolnzach!

Die bis Mitte der neunziger Jahre auch an zahlreiche kommunale und private Busunternehmen gelieferten Setra S 215 UL waren häufig noch bis um etwa 2015 als Schulbus zu sehen. Viele wurden als Gebrauchtfahrzeuge noch nach Osteuropa exportiert und fahren dort dank ihrer robusten Technik zum Teil bis heute im Alltagsbetrieb.