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Die Bahnstrecke Rohrbach (Ilm) – Wolnzach

Die alte Lokalbahn zweigt seit 1894 im Bahnhof Rohrbach (Ilm) von der viel befahrenen Hauptstrecke München – Ingolstadt ab und führt durch die Hallertauer Hügellandschaft. Kurz nach dem Bahnhof Rohrbach (Ilm) führt das „Holledauer Bockerl“ durch das Rohrbacher Gewerbegebiet und erreicht nach etwa 2,1 bzw. 3,2 km die Ortschaften Burgstall und Gosseltshausen, die bereits zur Marktgemeinde Wolnzach gehören. Vom erst 1957 eröffneten Haltepunkt Burgstall und dem kleinen Bahnhof Gosseltshausen ist seit den achtziger Jahren nichts mehr zu sehen.

Bei Kilometer 5,3 wird der Wolnzacher Bahnhof erreicht, der auch heute noch fast vollständig mit Empfangsgebäude, Güterschuppen und Bahnsteig vorhanden ist und zentral im Ortskern liegt. Seit einem Zimmerbrand im Dezember 2018 steht das Gebäude jedoch leer und die Marktgemeinde Wolnzach ist zwecks „Überplanung des Bahnhofsgeländes“ an einem Kauf interessiert. Für den Güterverkehr ist ein kurzes Ladegleis vorhanden, die restlichen der früheren Bahnanlagen wurden inzwischen ab- und zum Teil überbaut.

Der weitere Verlauf der Strecke ist heute als Bahnhofsgleis des Bahnhofs Wolnzach Markt gewidmet, das als Rangierfahrt bedient wird. Zunächst wird die Autobahn A93 Richtung Regensburg unterquert, bevor man etwa einen Kilometer weiter zum Gelände des Automobillogistikers ARS Altmann gelangt. Deren nicht unbedeutender Güterverkehr ist maßgeblich für den Erhalt der Strecke. Nun überquert der Zug den Bahnübergang an der Preysingstraße (km 6,2). Folgt man der Strecke weiter entlang der Sportanlagen und vorbei am Hallertau-Gymnasium, endet die Fahrt etwa bei Kilometer 7,2 an einem Prellbock kurz vor dem Bahnübergang Auerbergstraße im Ortsteil Jebertshausen. Vom einstigen Haltepunkt ist nichts mehr zu sehen, heute beginnt wenige Meter weiter ein Radweg ...

Bild: Das Streckenende in Jebertshausen.

Bis 2010 konnte noch bis Kilometer 8,0 – kurz vor Gebrontshausen – gefahren werden, bis 1996 führte die Strecke weiter über Rudelzhausen bis zu ihrem ursprünglichen Endbahnhof in Mainburg. In Enzelhausen zweigte ein ab 1970 in Au (Hallertau) endender Streckenabschnitt ab, der einst bis zum Bahnhof Langenbach an der Hauptbahn München – Freising – Landshut reichte. Heute existiert dort noch der kurze Abschnitt von Langenbach bis zum Kraftwerk Anglberg.

Streckendaten
Die Strecke Rohrbach (Ilm) - Wolnzach Markt ist eine eingleisige Nebenbahn mit Zugleitbetrieb, außer im Bahnhof Rohrbach (Ilm) ist sie nicht elektrifiziert. Regulär findet noch Güterverkehr statt. Auch wenn der Personenverkehr seit 1969 eingestellt ist, ist die Strecke entgegen aller Gerüchte nicht stillgelegt und somit wie jede andere Eisenbahnstrecke zu behandeln! Also bitte die Gleise nicht betreten und Vorsicht am Bahnübergang!

Infrastrukturbetreiber

DB Netz AG

Streckennummer

5383

Streckenlänge

7,2 km in Betrieb, ehemals 23,4 km

Spurweite

1435 mm (Normalspur)

Höchstgeschwindigkeit

bis zu 40 km/h

Bremswegabstand

400 m

Maximale Neigung

23 ‰

Bahnübergänge

17, davon nicht technisch gesichert: 12

Das gelegentliche Befahren mit Personenzügen ist derzeit nur mit einer (kostspieligen) Ausnahmegenehmigung möglich.

Bahnübergänge und pfeifende Züge
Warum pfeifen die Züge so oft, so laut und das auch mitten in der Nacht? Im Verlauf der Strecke befinden sich zahlreiche nicht technisch gesicherte Bahnübergänge. Im Gegensatz zu Bahnübergängen mit Schranken oder Lichtzeichen müssen die Verkehrsteilnehmer hier durch genau geregelte Pfeifsignale vor herannahenden Zügen gewarnt werden. Vor jedem dieser Bahnübergänge, meist sind das Nebenstraßen, Fuß- oder Feldwege, stehen ein bis zwei Pfeiftafeln (Signal „Bü 4“), das sind rechteckige weiße Schilder mit einem schwarzen P. An jeder Pfeiftafel ist der Lokführer verpflichtet einen Pfiff von etwa drei Sekunden Dauer abzugeben – auch wenn vermeindlich weit und breit keine Personen oder Fahrzeuge zu sehen sind.

Geschichte der Hallertauer Lokalbahn
Der Streckenabschnitt zwischen Wolnzach Bahnhof (heute: Rohrbach) und Wolnzach Markt ging am 6. Dezember 1894 nach nur etwas mehr als einem Jahr Bauzeit als erstes Teilstück der Lokalbahn Wolnzach Bahnhof – Mainburg in Betrieb. Die ganze Strecke wurde ein Jahr später am 16. Dezember 1895 feierlich eröffnet. Somit war Mainburg – das „Herz der Holledau“ – an das Eisenbahnnetz angeschlossen. 1906 folgte die 9,3 km lange Strecke ab Wolnzach Bahnhof nach Geisenfeld, 1909 ging die Strecke Enzelhausen – Langenbach über Au, Nandlstadt und Zolling in Betrieb. Die Fahrgast- und Frachtzahlen waren gut und übertrafen in den folgenden Jahren alle Erwartungen.


Oben: Fahrplan der Lokalbahnen von Wolnzach Bahnhof nach Geisenfeld und Mainburg, Sommer 1922.

Bild unten: Ein u.a. aus Einheitswagen von etwa 1930, genannt „Donnerbüchsen“, und bayerischen Typen von ca. 1900 gebildeter Eilzug aus Ingolstadt ist Mitte der fünfziger Jahre in Wolnzach Bahnhof (heute Rohrbach) eingetroffen. Zahlreiche Saisonarbeiter steigen in einen Anschlusszug (rechts) um, der aus einem Triebwagen der Baureihe VT 70.9 gebildet wird und die „Hopfenzupfer“ nach Wolnzach und Mainburg bringen wird.


Doch die zunehmende Motorisierung der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg und die „autogerechte“ Verkehrspolitik und die immer weiter abnehmende Investitionsbereitschaft brachten sinkende Fahrgastzahlen und den schleichenden Niedergang der Lokalbahnen. Zwar wurde der Personenverkehr durch den Einsatz moderner Schienenbusse der Baureihe VT 95 ab 1953 erheblich rationalisiert und der Fahrplan nochmals ausgebaut, zum Sommerfahrplan 1969 stellte die damalige Deutsche Bundesbahn den Personenzugverkehr auf der Bahnstrecke Mainburg – Wolnzach Bahnhof (heute: Rohrbach) ein.

Bild: Abfahrt des letzten Triebwagens in Wolnzach Markt 1969; der Fahrkarten- und Expressgutschalter blieb dennoch auch nach der Umstellung auf Omnibusse bis 1981 weiter in Betrieb.

Dies war nicht das Ende, die Bahn war jedoch aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen auf bahneigene Busse auf der Straße umzusteigen. Bayernweit den Anfang hatte schon 1953 die Verbindung Wolnzach Bahnhof – Geisenfeld gemacht.

Thema: Bahnbus statt Lokalbahn
Historisches Streckennetz in der Hallertau

Im Güterverkehr wurde die Strecken auch in den folgenden Jahren noch weiterhin rege genutzt, dennoch waren die Zahlen seit Mitte der achtziger Jahre rückläufig. Nennenswerte Investitionen in die Bahnstrecken unterblieben, der Lkw-Verkehr wurde liberalisiert, das Straßennetz immer weiter ausgebaut und zum Normalzustand erklärt. Das Ende des Geisenfelder Bockerls kam 1988. Als Folge der Bahnreform endete der Bahnbetrieb 1996 auch auf der Mainburger Strecke östlich von Streckenkilometer 8,0. Der stillgelegte Teil wurde bis Ende 2004 von Bahnzwecken entwidmet und weitgehend abgerissen.

Lediglich das Reststück ab Rohrbach (Ilm) bis zur Firma ARS Altmann wird heute noch regelmäßig von Güterzügen befahren und wurde im Herbst 2013 für rund vier Millionen Euro saniert. Ab 2021 ist die Ausrüstung mehrerer Bahnübergänge mit Schranken und Lichtzeichen geplant.

Bild: 211 117 mit einem stattlichen Güterzug aus Mainburg, Au (Hallertau) und Wolnzach Markt, fotografiert im Winter 1982, kurz vor Wolnzach Bahnhof. Das linke Gleis gehörte zur Geisenfelder Lokalbahn, sie verlief rund einen Kilometer bis zur 2020 renaturisierten Ilmschleife parallel und ließ den Streckenteil bei Rohrbach auf den ersten Blick wie eine zweigleisige Hauptbahn wirken.

Zum Weiterlesen
Mehr zur Hallertauer Lokalbahn, ihren Relikten und dem Bockerl im Maßstab 1:87 gibt's auf diesen Seiten (externe Links):

Interessengemeinschaft Hallertauer Modelleisenbahner (IHMB)
Bockerl fahr zua! – Heimatkultur im Modell
Spurensuche Eisenbahn: Wolnzach Bahnhof – Mainburg